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Dollhaus

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Meine Bachelorarbeit Dollhaus – Geschlechterkonflikte zum Kuscheln bietet anhand von sieben handgefertigten Stoffpuppen einen verspielten und humorvollen Zugang zu einigen Gender-Problemzonen wie den Gender Bias, dem Gender Gap oder der “Gläsernen Decke”. Die Puppen haben Namen, kurze Biographien und dazugehörige “Reality Check”- Clips, die den jeweiligen Geschlechterkonflikt auf den Punkt bringen. Darüber hinaus gibt es Hintergundinformationen zu den jeweiligen Themen. Zusammengefasst war Dollhaus ursprünglich auf einer flash-animierten Website, die inzwischen offline ist. Stattdessen sind die Puppen und ihre Geschichten nun hier zu sehen. Die Grundformen der Puppen machen das Geschlecht erkenntlich, bedienen sich aber keinen Stereotypen.

Bachelorarbeit, Zürcher Hochschule der Künste, Trends and Identity, 2008

Mentorat: Christoph Zellweger, Holm Friebe, Katharina Tietze
Zweiter Platz beim Gender Studies Förderpreis der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften



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Vicki Vella, 23, Angestellte im Callcenter


Das einzig Gute am Callcenter findet Vicky, dass sich dort niemand um ihr Erscheinungsbild kümmert. Ansonsten hasst sie ihren Job. Aber sie braucht das Geld um am Wochenende mit ihren Freundinnen feiern zu können. Auf der Strasse herumbrüllen, Männer aufreissen, in den Park pinkeln und nackt im See baden gehen – das macht Vicky Spass. Wenn sie mehr Geld hätte, würde sie sich noch öfter die Haare färben.



Hintergrund: Im Alltag zeigen diverse Bespiele, dass unterschiedliche Erwartungen an die Geschlechter gestellt werden: Wenn Kellner die Rechnung automatisch dem Mann bringen, wenn Frauen sich ausschliesslich für bessergestellte Männer interessieren, wenn Frauen mehr nach ihrem Äusseren Männer mehr nach ihrem Beruf beurteil werden, wenn eine Frauen, die mit vielen verschiedenen Partnern Sex hat, als Schlampe bezeichnet wird, während die Bezeichnung für das männliche Pendant fehlt, wenn Frauen häufiger die Beine überkreuzen, wenn Männer untereinander sich keine Abschiedsküsse geben – all diese alltäglichen Dinge verweisen auf Verhaltenskodizes, die den Geschlechtern hartnäckig anhaften.



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Susanne Steinbeisser, 54, Marketing-Managerin


Zehn Jahre lang war Susanne Steinbeisser stellvertretende Filialleiterin einer Firma für Verpackungsmaterialien. Dann kündigte sie, weil sie es in dieser Zeit nie bis auf den Sessel ihres Vorgesetzten geschafft hatte, und machte sich selbstständig. Sie gründete ihre eigene Firma und holte ihre ehemaligen Untergebenen gleich mit ins Boot, indem sie ihnen bessere Arbeitsbedingungen bot. Inzwischen ist Susanne mit ihrer neuen Firma so reich geworden, dass sie sich sogar ein adoptiertes Kind aus Afrika leisten kann.




Hintergrund (Stand 2008): Obwohl Frauen und Männer inzwischen gleich häufige und gleich gute Uniabschlüsse vorweisen können, haben Frauen im allgemeinen eine niedrigere berufliche Stellung als Männer: In der Schweiz besetzen fast doppelt so viele männliche Angestellte leitende Funktionen wie weibliche. Und je höher die Position, desto geringer der Frauenanteil ist. Ein Beispiel aus Deutschland macht das deutlich: Nur ein Vorstandsmitglied der dreissig DAX kodierten Unternehmen ist weiblich. Man spricht in dem Zusammenhang von der "gläsernen Decke" und meint damit das Phänomen, dass hochqualifizierte Frauen beim Aufstieg innerhalb von Unternehmen oder Organisationen auf der Ebene des mittleren Management hängen bleiben und es nicht bis in die Führungsetage schaffen, obwohl sie die gleichen Leistungen erbringen wie ihre männlichen Kollegen. Gründe dafür, dass Frauen weniger befördert werden, sind, dass sie mit der Möglichkeit, Mutter zu werden, ein grösseres Risiko für Firmen bilden. Studien belegen, dass männliche Vorgesetzte lieber Männer fördern, sowie, dass Frauen weniger Networking betreiben und dass ihnen damit die wichtigen Kontakte fehlen. Ebenso spielt hier die Schwierigkeit für Frauen, Karriere und Beruf zu vereinen, eine Rolle. Es ist daher kein Wunder, dass 90% der Frauen im Top-Management kinderlos sind.




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Felizitas Fehr, 37, Versicherungsangestellte


Ihr Arbeitsplatz ist von neun Urkunden geschmückt, auf denen „Mitarbeiterin des Monats“, zu lesen ist, worauf Felizitas sehr stolz ist. Felizitas arbeitet nicht in erster Linie des Geldes wegen, nein, sie macht ihre Arbeit aus Leidenschaft und weil sie ihre Kollegen so gerne mag. Täglich verbreitet sie gute Stimmung und bei Streitereien setzt sie sich als Vermittlerin ein. Sie ist sozusagen das Herz des Grossraumbüros. Sie weiss alle Geburtsdaten ihrer Kollegen auswendig und sie bringt zu jedem Geburtstag einen Kuchen mit.



Hintergrund (Stand 2008): Egal welchen Wirtschaftszweig wir in der Schweiz betrachten – Frauen verdienen überall weniger. Grundsätzlich lässt sich feststellen: Je höher das Ausbildungsniveau, desto höhe ist die Lohndifferenz. Im Durchschnitt beträgt die Lohndifferenz 20 Prozent. Nur ein Drittel dieser Lohndifferenz lässt sich auf Faktoren wie Branche, Ausbildung oder Stellung im Beruf zurückführen. Die anderen zwei Drittel sind völlig unbegründet, was bedeutet dass Frauen für die gleiche Arbeit einfach weniger Lohn erhalten als ihre männlichen Kollegen.



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Frieda Freimut, 26, Neofeministin


Frieda studiert Genderstudies. Zusammen mit ihren Freundinnen hat sie einen Blog ins Leben gerufen, auf dem sie über geschlechtsspezifische Fragen diskutiert und versucht die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Immer wieder weist Frieda darauf hin, dass das Geschlecht nur anerzogen ist. Bücher wie "Warum Frauen besser zuhören und Männer besser einparken können" machen sie rasend. Gewissen Freunden geht sie damit zwar langsam auf die Nerven, aber davon lässt sich Frieda nicht beirren. Nebenbei hütet sie die kleine Nachbartochter.



Hintergrund (Stand 2008): „On ne naît pas femme, on le devient“ ("Man wird nicht als Frau geboren, man wird es") ist das wohl berühmteste Zitat von Simone de Beauvoir, auf das sich viele Feministinnen beziehen. Es will sagen, dass das Geschlecht nicht in erster Linie biologisch bedingt, sondern vor allem gesellschaftlich geprägt ist. Jüngere Feministinnen wie Judith Butler gehen sogar noch einen Schritt weiter und sprechen dem Sex, dem biologischen Geschlecht, jeglichen Einfluss auf den Gender, das gesellschaftlich bedingte Geschlecht, ab. Sie und gleichgesinnte Denkerinnen gehen davon aus, dass es gesellschaftliche Zuschreibungen sind, die uns auch den eigenen Körper als männlich oder weiblich erfahren lassen. In den letzten Jahren haben aber vermehrt neurologische und genetische Forschungen an Wichtigkeit gewonnen, die die Geschlechter biologisch zu begründen versuchen. Es gibt verschiedenste Ansichten darüber, inwiefern sich Biologie und Soziologie in Bezug auf das Geschlecht beeinflussen, und dieses rekursive Verhältnis bleibt ein zentraler Konflikt in der Geschelchterthematik.



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Karinka Kindl, 32, Schrifstellerin


Karinka wuchs im Glauben auf ein ganz normales Mädchen zu sein. Erst in der Pubertät, merkte sie, dass sie das nie war. Ihr Körper entwickelt sich nicht so wie bei den anderen Mädchen. Erst mit 16 Jahren teilen ihr ihre Eltern mit, was sie ihr bisher auf ärztlichen Ratschlag hin, verschwiegen hatten: In ihren Zellen trägt Karinka männliche Chromosomen – ein Schock für sie. Mit der Erkenntnis, in einem zwischengeschlechtlichen Körper zu wohnen, begann Karinkas Odyssee von einer Psychiatrischen Klinik zur anderen. 14 Jahre später, nach jahrelanger Auseinandersetzung mit sich selbst, verfasste Karinka eine Autobiografie über ihre Identitätssuche, die sie in einem Buchladen in Second Live als E-Book verkauft, wo es zum Bestseller wurde.



Hintergrund (Stand 2008): Offiziell anerkannt sind nur zwei Geschlechter: Frau und Mann. Immer wieder kommen aber Kinder zur Welt, die nicht in dieses Mann-Frau-Schemata hineinpassen. Man nennt sie deshalb intersexuell (heute: intergeschlechtlich). Um Intersexualität festzustellen, sind  ausführliche körperliche Untersuchungen einschliesslich Chromosomenanalyse notwendig. Viele Menschen finden erst in der Pubertät oder noch später heraus, dass sie intersexuell sind. Manche finde es nie heraus. Zur Häufigkeit von Intersexualität variieren die Schätzungen stark – von 1:100 bis 1:2000. Intersexualität ist wenig bekannt und tabuisiert. Betroffene leiden oft unter Identitätskonflikten und psychischen Problemen. Auch Hormonbehandlungen und Operationen an ihren Geschlechtsorganen werden häufig durchgeführt.

Nachtrag 2020: In den vergangenen 12 Jahren ist viel passiert. Inter* oder intergeschlechtliche Menschen – was ihre Eigenbezeichnung ist – haben viel für Selbstbestimmung, Akzeptanz und Enttabuisierung gekämpft. Sie machen sich stark gegen uneingewilligte medizinische Eingriffe an intergeschlechtlichen Kindern und für die Akzeptanz, dass ihre Körper gut und richtig sind, so wie sie sind.  In Deutschland gibt es seit 2018  offiziell den dritten Geschlechtseintrag „divers“, zusätzlich zu „männlich“ und „weiblich“.




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Heniko Hehn, 38, Sportreporter


Heniko ist schwul, und eigentlich sollte er heute Profifussballer sein. Doch mit seinem Coming Out ist seine Karriere als Fussballer gestorben. Er war 17 und auf dem Weg zum Profi, als ihn ein Mannschaftskollege eines Tages beim Händchenhalten mit seinem damaligen Freund erwischte. Von da an wurde er von seinen Team nur noch Schwuchtel genannt, und der Trainer gab Heniko einen Stammplatz auf der Ersatzbank. Ein paar Monate später verliess er die Mannschaft freiwillig. Heute arbeitet er als Sportreporter und spielt nebenbei in einem Amateur-Fussballclub für Schwule.



Hintergrund (Stand 2008): Während Homosexualität in Teilen der Welt mit dem Tod bestraft wird, hat sie in Europa eine Enttabuisierung erlebt: In gewissen Bereichen, wie in der Mode oder im als Friseur, ist es geradezu chic, homosexuell zu sein. Politiker outen sich. In Belgien, den Niederlanden, Spanien, Südafrika, Kanada sowie Massachusetts (USA) wurde die Ehe für Homosexuelle ganz geöffnet. In der Schweiz können sich Homosexuelle seit 2007 als Paar registrieren lassen. Die Eintragung stellt homosexuelle Paare weitgehend den Ehepaaren gleich. Das Partnerschaftsgesetz (PartG) wurde im Jahr 2005 mit 58%Zustimmung angenommen. Trotz der immer grösser werden Akzeptanz gibt es noch Bereiche, die durch Homophobie gekennzeichnet sind. Zu diesen Bereichen zählt der Profifussball. Der erste und bis 2008 einzige Profifußballer, der sich zu seiner Homosexualität bekannte, disqualifizierte sich damit für den Fussball und nahm sich einige Jahre später das Leben. Er hiess Justin Fashanu spielte bei Nottingham Forest.



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Bernhard Blau, 42, Sachbearbeiter


Blau arbeitet beim Bundesamt für Statistik. Da muss er den ganzen Tag Daten einpflegen und verwalten. Doch im Moment kann er sich nicht konzentrieren. Ständig muss er an seinen einjährigen Sohn denken, den er auf Grund seiner Arbeit so selten sieht. Es fuchst ihn, dass sein Sohn mehr Zutrauen zu ihrer Mutter hat und dass er schon "Mama", aber noch nicht "Papa" sagen kann. Aber da kann man eben nichts machen, sagt er sich und flösst sich als Trost unter dem Tisch versteckt einen Schluck Cognac aus seinem Flachmann ein.



Hintergrund (Stand 2008): Tatsächlich haben sich die Familienstrukturen in der Schweiz nur leicht vom 50er Jahre Modell entfernt. Noch heute wird der Mann als Ernährer und die Mutter als die Hauptverantwortliche für die Familie gesehen. Statistiken bestätigen das: 44% der Frauen, aber 89% der Männer arbeiten Vollzeit. Hingegen sind in 87% der Paarhaushalte mir Kindern unter 15 Jahren die Frau die Hauptverantwortliche für den Haushalt. Nur 10% der Paarhaushalte wird die Verantwortung gemeinsam getragen und in 2% der Paarhaushalte sind die Männer die Hauptverantwortlichen. Gestützt werden diese Strukturen vom Schulsystem, das davon ausgeht, dass Kinder zur Mittagszeit bekocht werden, ferner von den nicht ausreichenden Krippenplätze, dem kaum existierende Vaterschaftsurlaub, davon, dass Frauen immer noch weniger verdienen und dass sie nach einer Scheidung meist Alimente von ihrem Ex-Mann erhalten. Männer die sich mehr für die Familie als für den Beruf engagieren, geniessen keinen hohen Status. Unter den alleinerziehenden Väter arbeiten vier Fünftel der trotz Doppelbelastung Vollzeit, während die meisten alleinerziehden Mütter Teilzeit oder gar nicht arbeiten.







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